von pitbull » 05.06.2005, 10:51
Hallo,
habe hier einen interessanten Artikel gefunden. Kann sicher nicht schaden, sich den mal durchzulesen. Ist zwar ein bisschen lang für ein Posting, lohnt sich aber.
Emotionen: Was Gewinner von Verlierern unterscheidet
Heutzutage stehen den Anlegern alle Informationen beinahe zeitgleich zur Verfügung. Der frühere Vorsprung der Insider ist praktisch dahin. Ausgereifte Analysemethoden, der Zugang zu Computern und sekundenschneller Handel sind keine Privilegien der Profis mehr. Jedermann hat die gleichen Möglichkeiten, an der Börse erfolgreich zu sein. Dennoch gibt es weiterhin Gewinner und Verlierer. Wo liegt der Unterschied zwischen diesen beiden Spezies? Was ist das Erfolgsgeheimnis derjenigen, die langfristig Geld verdienen? Was sind die Fehler der anderen, die in der Regel nur einen Kurzauftritt haben und nach misslungener Premiere wieder von der Bühne des großen Geldes abtreten?
» Wie ein Fliessbandarbeiter hinterfragte er nicht das System, er setzte strikt die Signale um «
Vor 20 Jahren hatte der Trader Victor Sperandeo brillante Erfolge beim Daytrading von Aktien und insbesondere beim Handel von S&P-500- und NYSE-Futures. Er handelte nach dem Motto: "Making a lot of money when I was right and losing only a little when I was wrong." Sehr frei übersetzt etwa "Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen". Er dachte, wenn er in der Lage sei, solch ein System umzusetzen, könne er auch andere dahingehend trainieren. "I want to franchise my methods and had visions of becoming the McDonald’s of the financial markets." (Ich wollte meine Handelssysteme vermarkten und hatte die Vison, der McDonald’s der Finanzmärkte zu werden.) In seiner Vorstellung sollte eine Gruppe von Tradern seine Handelsmethoden anwenden und ihm einen Teil der Gewinne überlassen. Er trainierte 39 Trader, die alle exakt die gleichen Informationen wie er selbst hatten. Jeder einzelne wurde in Vic’s Methode ausgebildet. Das Überraschende war: von 39 Tradern gelang es nur fünf, erfolgreich zu handeln. Die meisten aber verloren über kurz oder lang ihr Geld.
Sind dumme Menschen bessere Trader?
Victor war verblüfft. Er wollte wissen, warum so viele der Trader versagt hatten. Einer derjenigen, die erfolgreich waren, war beinahe ein Analphabet. Viele der Verlierer dagegen hoch intelligent. Kann es sein, dass dumme Menschen bessere Trader sind? Sperandeo fragte nach: Der Analphabet hielt sich strikt an die Regeln. Er hielt die Verluste gering, er ließ die Gewinne laufen. Victor: "Seriously, he was about as literate as a fifth-grader, but he always closed a losing position and let profits run." (Er besaß das Wissen eines Grundschülers, aber schloss immer seine Verlustpositionen und ließ Gewinne laufen.) Er bemerkte, dass es augenscheinlich nicht genügt, Wissen zu haben, um in den Märkten Geld zu verdienen. (Zitate aus: Technical Analysis of Stocks & Commodities, 10/1991).
Aus Victors Ausführungen wird schnell klar, dass es nicht ausreicht, ein System zu haben, mit dem ein anderer Geld verdient. Man selbst muss in der Lage sein, dieses System umzusetzen. Bemerkenswert ist, dass jemand, dessen Vorbildung praktisch bei null lag, derjenige war, der die größten Gewinne machte. Betrachten wir den Hintergrund: Der Analphabet hatte keinerlei Ahnung vom Trading. Er vertraute darauf, dass Sperandeos vorgegebene Regeln gut waren. Wie ein Fließbandarbeiter hinterfragte er nicht das System, er setzte strikt die Signale um. Hier lag das Geheimnis seines Erfolges. Er ging in den Markt, wenn es das System signalisierte, er stieg aus, wenn ein Stopp ausgelöst wurde. Er setzte nur soviel Kapital ein, wie es die Money-Management-Regeln vorgaben.
Andererseits gab es diejenigen, die nach allgemein gültiger Meinung mit etwas mehr Verstand ausgerüstet waren. Sie hinterfragten das System. Sie verzögerten die Einstiege, weil sie der Ansicht waren, sie könnten günstiger zum Zuge kommen (1). Sie schlossen die Trades zu früh, weil sie Angst hatten, zu viel von dem Gewinn wieder abgeben zu müssen (2). Sie setzten mehr Kapital ein als angezeigt, weil sie überzeugt waren, der Trade werde gut (3). Die Gründe sind mannigfaltig, aber alles läuft darauf hinaus, dass sie scheiterten, weil sie sich nicht an das System hielten. Damit kommen wir zu einem der elementarsten Begriffe im Systemtrading: Disziplin. Ein System ist ein Satz von Regeln, in dem Lösungen für alle Unwägbarkeiten vorhanden sind. Das System gibt die Einstiegssignale, Stopps schließen die Positionenen, die ins Minus laufen, und das Money-Management gibt die Positionsgrößen vor. Wenn ein System also erst einmal entwickelt und für gut befunden wurde, muss man nichts weiter tun, als diszipliniert das umzusetzen, was das System vorgibt. Hinderlich ist nicht etwa zuviel Intelligenz, sondern Emotionen. Betrachten wir nochmals die aufgeführten Gründe, warum die Intelligenteren dem System nicht folgten:
Hoffnung
Angst
Gier
Lassen Sie uns von Emotionen sprechen. Sie hindern den einzelnen, die notwendige Disziplin an den Tag zu legen. Denken Sie nochmals daran: Ein System ist ein Satz von Regeln, der den Trader einerseits in die Lage versetzt, Gewinne zu machen, und andererseits dafür Sorge trägt, dass die Verluste nicht die Oberhand gewinnen. Bevor ein System eingesetzt wird, sollte es auf alle möglichen Marktsituationen hin getestet worden sein. In diesen Tests zeigt sich, ob ein System in der Lage ist, Gewinne laufen zu lassen und Verluste zu begrenzen. Aber: Es gehört viel mentale Kraft dazu, sich an die Vorgaben eines Systems zu halten. Vor allem dann, wenn das System anderer Meinung als man selbst ist.
Stellen Sie sich Folgendes vor: Ihr System ist long, Sie haben den Trade eröffnet. Plötzlich geschieht etwas, das Sie zweifeln lässt, ob die Richtung weiter beibehalten wird. Das System bleibt long. Vorsichtshalber schließen Sie die Position (Verlust-angst). Der Markt geht nun weiter nach oben, entweder, weil Ihre Überlegungen schlichtweg falsch waren, oder weil die Märkte oftmals nicht rational reagieren. Das System hätte in diesem Fall die Gewinne laufen lassen, Sie aber haben sie nicht nach Hause gebracht. Der umgekehrte Fall tritt ein, wenn das System nicht Recht gehabt hätte. Dann ist das System durch die eingebauten Verlustbegrenzungsparameter schnell in der Lage, die Position zu schließen. Es reagiert ohne Emotionen. Dies ist wohl die grundlegendste Eigenschaft von Computern und mithin einer der Hauptgründe, warum sich das computerisierte Trading immer mehr duchsetzt.
Der Mensch hingegen wird beim Handeln von Emotionen gesteuert. Denken Sie an das Beispiel. Ohne Emotionen wäre der Gewinn eingefahren worden. Stolz kann ein Grund sein, sich einen Fehler nicht eingestehen zu wollen, das Beharren auf der eigenen Meinung, die Irrationalität der Märkte oder einfach das Rechthabenwollen. Um an den Märkten erfolgreich bestehen zu können, braucht man die Rationalität eines Computers. Nur dann kann man die notwendige Disziplin erlangen, um ein System zu handeln. Ohne Disziplin nützt das beste Handelssystem nichts. Mehr im nächsten Heft.
Quelle: Technical Investor Nr. 3, Okt. 2000, S. 38
Viele Grüße
pitbull
------------------------
Show must go on!